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Politik und Wissenschaft

Gemeinsamer Workshop der Münchner Internationalen Doktorandenkollegs
Textualität in der Vormoderne und NanoBioTechnology

7. Dezember 2010, LMU München

Die von den beiden Elitenetzwerk Bayern-Kollegs NanoBio Technology und Textualität in der Vormoderne initiierte und organisierte Veranstaltungsreihe „Münchner Doktorandenkollegs im Gespräch“ wurde am 7. Dezember 2010 mit einer öffentlichen Vortragsveranstaltung zum Thema „Politik und Wissenschaft“ fortgesetzt.

In seinem Grußwort schlug Prof. Dr. Vollhardt, Sprecher des Kollegs Textualität in der Vormoderne, vor, die Diskussion des „Natur“-Begriffs, der im Zentrum der aktuellen Vorlesungsreihe des Textualität-Kollegs steht, als Ausgangspunkt für einen fächerübergreifenden Dialog zwischen den Vertretern der geistes- und der naturwissenschaftlichen Disziplin zu wählen.

NanoBioTechnology-Sprecher Prof. Dr. Rädler betonte die historische Verbindung und Nähe beider Fachrichtungen, die im Fall der Uni München sogar einer räumlichen Nachbarschaft – entlang der Schellingstraße – korrespondiere. Das „Über-den-Tellerrand-Schauen“ und den „Diskurs über Fachgrenzen“ hob er dabei als wichtige Ziele der Veranstaltungsreihe hervor.

Prof. Dr. Beate Kellner, Vizepräsidentin der LMU und Betreuerin im Textualität-Kolleg, unterstrich in ihrem Grußwort die Chancen wissenschaftlicher Interdisziplinarität. Diese werde bisher innerhalb benachbarter Bereiche wie Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auf der einen, Medizin und Naturwissenschaften auf der anderen Seite in den Kollegs bereits erfolgreich praktiziert. Doch auch das mit der Veranstaltungsreihe unternommene „Experiment par excellence“, zwei sehr verschiedene Disziplinen zusammenzuführen und ins Gespräch zu bringen, sei wünschenswert, da gerade die Sicht ‚von Außen‘ den Blick auf das eigene Fach schärfen könne.

 

 

Prof. Joachim Rädler
Prof. Beate Kellner
Prof. Friedrich Vollhardt

 

 

Im Mittelpunkt des Abends standen die Vorträge der namhaften LMU-Wissenschaftler Prof. Dr. Peter Strohschneider, germanistischer Mediävist und Vorsitzender des Deutschen Wissenschaftsrats, sowie Prof. Dr. Harald Lesch, Astrophysiker und bekannter TV-Moderator, zum Thema ‚Politik und Wissenschaft‘.

Strohschneider referierte dabei über „Politische Entscheidungen und wissenschaftliches Wissen in der Wissenschaftsgesellschaft“. Unumstritten sei der funktionale Zusammenhang zwischen Politik und Wissenschaft: Keine Gesellschaft, so Strohschneider, komme je ohne Wissen aus. Wissenschaftliches Wissen bringe technische, soziale, kulturelle und ökonomische Entwicklungen hervor, sei der zentrale Motor gesellschaftlichen Wandels.

Gegenwärtig ließen sich in Bezug auf das Wissenschaftssystem vor allem drei Tendenzen feststellen: Differenzierung, in disziplinärer, personeller und internationaler Dimension, mit der Folge zunehmend disparater Interessen und Vollzugsformen der Wissensproduktion; Expansion, durch weltweite Akademisierungsschübe, wachsende strukturelle und quantitative Anforderungen; und Veralltäglichung. Mit dem Weberschen Begriff der ‚Veralltäglichung‘ bezeichnet Strohschneider einerseits den Dignitätsverlust wissenschaftlichen Wissens und seiner Träger; andererseits die Integration von immer mehr Lebensbereichen in das wissenschaftliche System, sichtbar an der Akademisierung immer weiterer Berufsfelder sowie an der Erschließung immer neuer sachlicher Problemzusammenhänge, für die, bis hinein ins Private, wissenschaftliche Lösungen – als gleichsam privilegiertem Weltzugang – erwartet würden. Auch politische Entscheidungen rekurrierten zunehmend auf wissenschaftliche Befunde. Die Politik erwarte von der Wissenschaft Sachinformationen und Deutungsleistungen und bezöge daraus die Legitimation ihrer Beschlüsse.

Die damit unterstellte Funktions-Hypothese einer „Selbststabilisierung“ gelte aber auch in umgekehrter Richtung: Beobachtbar sei neben der Verwissenschaftlichung von Politik ebenso eine Politisierung von Wissenschaft. Die Wissenschaft nämlich stehe in der Abhängigkeit institutioneller Voraussetzungen (Rechte, Infrastrukturen, staatliche Ressourcen) und bediene sich vermehrt politischer Symbolik, um über die Demonstration gesellschaftlichen Nutzens ihre finanzielle Absicherung zu gewährleisten. Darüber hinaus sei dem (beratenden) Wissenschaftler freilich auch der Reiz von Machtteilhabe und Geltungsgewinn nicht fremd.

Durch die gegenseitige Instrumentalisierung von Politik und Wissenschaft entstehe eine Unschärfe zwischen den beiden Systemen, die Strohschneider für bedenklich hält, insofern sie erhebliche Risiken für die Demokratie und für den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt mit sich bringe. Wissenschaft zur überpolitischen Schlichtungsinstanz zu erheben und politische Entscheidungen von ihren Devisen abhängig zu machen, bedeute einen Rückfall hinter die Errungenschaft der Demokratie, welche den Absolutismus gerade dadurch überwunden habe, dass sie ein ‚Leben in Frieden‘ vom ‚Leben in Wahrheit‘ trennte. Dem sozialen Ausschluss der Anders-Gläubigen in der frühen Neuzeit vergleichbar, würde eine Universalisierung von Wissenschaft heute zum Ausschluss der ‚Anders-Wissenden‘ führen. In einer freien Gesellschaft aber dürften Erkenntnis und Normativität niemals in eins fallen. Die Aufgabe, das politische System von seiner Entscheidungsverantwortung zu entlasten, stelle für die Wissenschaft eine Überforderung dar, die im grundsätzlichen Widerspruch stehe zur prinzipiellen Offenheit wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Frage, welche (wissenschaftlich eruierten) Möglichkeiten gesellschaftlich real werden sollen, könne und dürfe, so Strohschneider, auch in Zukunft nur politisch beantwortet werden.

 

 

Prof. Peter Strohschneider

 

 

Daran anknüpfend erörterte Prof. Dr. Harald Lesch unter dem Vortragstitel ‚Wir irren uns empor‘ die Grundprinzipien freier naturwissenschaftlicher Forschung und plädierte für eine (universitäre) Praxis der Vernunft, die eine Kultur der gesellschaftlichen Akzeptanz des produktiven wissenschaftlichen Irrtums einschließt. Foren für den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik genügten nicht, solange Institutionen sich als Interessenvertretungen verstünden. Die Universität müsse ein von der Politik unabhängiger Raum sein. Stattdessen sei in den letzten Jahren eine Zunahme der Abhängigkeit der Universitäten festzustellen: durch Kommerzialisierung. Durch die von politischer Seite implementierte Elite-Kampagne habe sich der Wettbewerb verstärkt. Für die Teilnahme daran würden viel Aufwand und Energie investiert; was am Ende herauskomme aber seien: wenige Gewinner (des Exzellenztitels und der damit verbundenen Finanzmittel), vor allem jedoch Frustration bei den vielen Verlierern. Die Kommerzialisierung der Gesellschaft, so Lesch, ersetze Vertrauen durch Misstrauen. Statt den Universitäten Vertrauen in ihre wissenschaftliche Arbeit zu gewährleisten, werde ihnen Misstrauen entgegengebracht, das im Wettbewerb erst widerlegt werden müsse. Ignoriert werde dabei, dass der Irrtum in der wissenschaftlichen Arbeit der Normalfall und sogar notwendig sei. Hypothesen müssten an der Erfahrung scheitern können.

Die technische Anwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnis – verbunden mit dem Ziel der Wohlstandsmaximierung – ist nach Lesch das, was Politik und Gesellschaft am meisten interessiert, und wonach letztlich Vertrauen und Geld verteilt wird. Problematisch daran sei, dass der Weg von einer Hypothese bis zur wirtschaftlich relevanten Technik sehr lang sein könne. So sei etwa die Quantenmechanik heute Grundlage aller Elektrogeräte. Aber wer hätte sich vor 100 Jahren, als die Forschung auf diesem Gebiet begann, träumen lassen, dass dies heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist?

Schließlich sollten, z.B. in der Klimaforschung, auch diejenigen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die nicht dem politischen Ziel der Wohlstandsförderung dienen, von der Politik ernst genommen werden. Es müsse, so Lesch – an dieser Stelle durchaus gegenläufig zum vorgängigen Redner –, eine Umorientierung stattfinden von der Frage „Was können wir wissen?“ hin zur Frage „Was sollen wir tun?“. Eine Schlüsselrolle komme dabei, mit Blick auf ihre Prognose-Leistung, der Physik zu. Für die Kommunikation von Wissen auf Meta-Ebene sei ferner eine intersubjektive Sprache notwendig, eine Strukturwissenschaft, wie sie in Mathematik und Philosophie zu finden sei. Aufgrund ihrer Diversifizierung hätten die Naturwissenschaften einen Komplexitätsgrad erreicht, der sich nur schwer vermitteln lasse. Verständnis für die Wissenschaft sei jedoch notwendig, um ihr Vertrauen und damit Freiheit zu gewähren.

 

 

Prof. Harald Lesch

 

 

In der abschließenden Diskussion zwischen Referenten und Zuhörern, moderiert von Prof. Vollhardt, wurden wissenschaftspolitische Fragen hinsichtlich der Finanzierung von Forschung und Lehre erörtert. Lesch plädierte noch einmal für die finanzielle Absicherung einer freien Wissenschaft und verwies auf die Gefahr eines durch Finanzengpässe und Stellenabbau herbeigeführten Dauerwettbewerbs.

Ebenfalls kam die Frage nach der gesellschaftlichen ‚Relevanz‘ beider Disziplinen zur Sprache. Strohschneider räumte ein, dass geisteswissenschaftliche Fächer hier einen schwierigen Stand hätten, betonte aber auch die essentielle Bedeutung der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung, die in das Aufgabenfeld von Gesellschafts- und historischen Wissenschaften falle.

Bei einem gemeinsamen Empfang für Kollegiaten und Betreuer beider Doktorandenkollegs fand der Veranstaltungsabend zu „Politik und Gesellschaft“ schließlich einen harmonischen Ausklang. Eine Fortsetzung der viel versprechenden IDK-Kooperation ist geplant.

 

Astrid Dröse, Katharina Kerl und Wiebke Rasumny