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Zur Anziehungskraft der Gegensätze. Ergebnisbericht

Gemeinsamer Workshop der Münchner Internationalen Doktorandenkollegs
Textualität in der Vormoderne und NanoBioTechnology

14. September 2010, LMU München

Von der Interdisziplinarität hört unsereiner besonders in der letzten Zeit sehr oft. Germanisten begegnen anderen Philologen, man sieht sich mit Philosophen, diese tauschen sich wiederum mit Soziologen aus, Psychologen kommen hinzu, gegebenenfalls schauen Theologen vorbei, man lädt auch ein paar Komparatisten ein, vergisst die Sprachwissenschaftler nicht und womöglich dürften sich auch etliche ausgewiesene Historiker sowie belesene Altphilologen einfinden. Auch die Naturwissenschaftler kennen das – Biologen, Mediziner, Physiker und Chemiker durchkreuzen tapfer die Gewässer des akademischen Meeres und begegnen sich zum gemeinsamen Gedankenaustausch.  Eigentlich musste es einmal passieren. Wenn Interdisziplinarität, dann schon richtig. Als Doktorand ist man schließlich konsequent.  Der Geist begegnet der Natur. Hier beginnt nun kein mittelalterlicher Traktat, sondern ein Experiment und durchaus spannendes Unternehmen der Münchner Doktoranden aus zwei Internationalen Doktorandenkollegs (IDKs), einem natur- und einem geisteswissenschaftlichen, ein Workshop zum Thema „Fachsprachen und Fachkulturen“.  Dem gemeinsamen Dienstagnachmittag gingen Wochen sorgfältiger Vorbereitung voran. Nachdem die Idee, sich gegenseitig kennen zu lernen, von dem naturwissenschaftlichen Lager in das literaturwissenschaftliche glücklich eingetroffen war, war hier sofort klar, dass man die „Nanos“ auf keinen Fall mit ihrem Angebot zurückschicken darf. Die Teilnehmer und Doktorandenvertreter der jeweiligen Kollegs (Katharina Kerl für das IDK „Textualität in der Vormoderne“ und Philip Severin für das IDK „NanoBioTechnology“) sowie die beiden Koordinatoren (PD Dr. Thomas Borgstedt für das IDK „Textualität“ und Marilena Pinto, M.A. für das IDK „NanoBioTechnology“) leisteten in der vorangehenden Zeit schon intensive Vorarbeit. Die beiden IDKs der LMU München verfassten jeweils einen Abstract zur Erklärung, was der Titel des Kollegs bedeutet und wie er die unterschiedlichen Dissertationsprojekte der Kollegiaten verbindet.  

Der Abstract wurde dann an die Teilnehmer des jeweils anderen Kollegs geschickt. Die mannigfaltigen und reichlichen Rückfragen, die sich zu den Abstracts ergaben, wurden als Anregungen für die gemeinsame Diskussion im Workshop gesammelt. Das eigentliche Treffen der 15 Doktoranden des IDK „Textualität in der Vormoderne“ und 15 Doktoranden des IDK „NanoBioTechnology“ startete um 16 Uhr im Hauptgebäude der LMU München.  Um das Eis zu brechen und die beiden IDKs von Anfang an zu vermischen, begann das Programm mit einem sogenannten „Speeddating“-Format. Alle Mitglieder des IDK „Textualität in der Vormoderne“ wurden auf 4 Seminarräume verteilt und bekamen ein Gegenüber des IDK „NanoBioTechnology“ und fünf Minuten Zeit, sich über die unterschiedlichsten Dinge zu unterhalten. Danach wurde gewechselt. Das Prinzip wurde wiederholt, bis jeder Literaturwissenschaftler mit jedem  Naturwissenschaftler gesprochen hatte. So traten nicht nur die Unterschiede sondern auch die Gemeinsamkeiten der Wissenschaften und der jeweiligen Herangehensweise zu Tage. Eine solche Form des ersten Kontakts erwies sich als überaus positiv, wir Doktoranden waren von Anfang an in angeregte Unterhaltungen vertieft.

 

 

 

 

Danach versammelten wir uns wieder im großen Seminarraum. Die Kollegiatensprecherin Katharina Kerl hatte sich der Fragen der „Nanos“ angenommen und ging u. a. auf die Definition von Begriffen wie Textualität, Vormoderne, Schriftlichkeit und Mündlichkeit ein. An ihrem Vortrag beteiligte sie immer wieder ihre Mitkollegiaten, die anhand ihrer Dissertationsprojekte z.B. Vormoderne, Kotext und Kontext, Eschatologie und Figuration anschaulich und ausführlich erklären konnten. Dadurch wurden den „Nanos“ zumindest die Grundbegriffe langsam klarer. Die Teilnehmer des IDK-NBT gestalteten die Beantwortung der Fragen der „Textis“ anders: Die Fragen zum Abstract, u.a. „Wie ist der Name des Doktorandenkollegs zu verstehen? Oder anders gefragt: Was ist Nano-Technologie, was ist Biotechnologie, bzw. wo genau liegt die interdisziplinäre Schnittstelle zwischen Nanotechnologie und Biotechnologie?“ wurden von den Doktoranden Marcus Otten und Christoph Weber beantwortet, die wiederum ihre Mitkollegiaten zu Hilfe zogen. Auch die „Nanos“ versuchten, anhand ihrer Dissertationsprojekte verständlich zu machen, was Nano, Bio und Technology für sie bedeutet.   

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Man wollte verstehen, was der andere macht, und die eigene Arbeit den anderen etwas näher bringen. Es zeigten sich unter anderem auch die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden großen wissenschaftlichen Gebiete. Während die einen Experiment und Theorie als die wichtigsten Vorgaben betrachten, ist es für die anderen eher die Frage, ob der Untersuchungsgegenstand, ein Text, selbst nicht die bestehenden Theorien um neue Facetten bereichert, sie modifiziert oder gar widerlegt. Dieser Programmteil des Workshops war für die Kollegiaten eine perfekte Gelegenheit, wie man lernt, Neues zu erfragen, zuzuhören, zu verstehen und zu diskutieren. Den Abschluss bildete eine Diskussion über den Sinn und Zweck der Literaturwissenschaft und der Beschäftigung mit alten, vormodernen Texten, an die sich unumgänglich die Debatte zu den Themen „Relevanz der Geisteswissenschaften“ und „Risiken der Nanotechnologie“ anschloss. Obwohl sich beide Themen stark unterscheiden, sind doch die Mitglieder der IDKs täglich damit konfrontiert. Deshalb wäre es naiv gewesen, sie nicht anzusprechen, zumal so viel Freude am Gespräch und an dessen Beteiligung vorhanden war. Die „Nanos“ zeigten auf, wo die Gefahren der Nanotechnologie liegen könnten, machten aber auch gleich klar, dass die Verteufelung oft unreflektiert geschieht und durch die Medien an eine uninformierte Gesellschaft verzerrt weitergegeben wird. Dass die Literaturwissenschaft nicht nur darin besteht, Romane zu lesen und das Hobby zum Job zu machen, versuchten die „Textis“ ebenso anschaulich wie vehement zu verteidigen, indem sie zum Beispiel auf die Kunst verwiesen, die richtige Wortwahl zu treffen und überzeugend zu reden, aber auch auf die Wichtigkeit der Erziehung und der kulturellen Tradition.

Den schönsten Abschluss für das Ende des offiziellen Teils fand schließlich der Gedanke, dass sich das eine IDK mit Dingen beschäftigt, die jeder sehen kann (Texte in Büchern, Handschriften, etc.) und das andere IDK mit Dingen, die niemand sehen kann (nano) und vor denen Menschen außerdem noch Angst haben. Ein solcher Abschluss wirkt umso paradoxer, als einer der Ausgangspunkte der Debatte die Behauptung bildete, dass die Nanotechnologen sich an der Herstellung konkreter Produkte beteiligen, während die Literaturwissenschaftler eben nichts Materielles produzieren.

 

 

 

 

 

Die Zeit schritt aber unerbittlich fort und mit derselben Unerbittlichkeit meldete sich der Hunger, sodass man den Erkenntnis- und Meinungsaustausch beim gemeinsamen Abendessen fortsetzte und noch vertiefte. Hier wurde ebenfalls nach dem Prinzip verfahren, dass immer ein „Texti“ neben einem „Nano“ saß und auch diesmal funktionierte das Prinzip hervorragend. Gesprächsstoff gab es genug, an allen Tischen wurden rege diverse Themen besprochen und für die Zukunft schon verschiedenste weitere gemeinsame Workshops angedacht. Die Atmosphäre des ganzen Treffens war ausgesprochen freundlich und vom Interesse am anderen geprägt. Die beiden Sprecher der IDKs, Prof. Friedrich Vollhardt (Germanistik) und Prof. Joachim Rädler (Physik), freuten sich über das gelungene Experiment und kamen im gegenseitigen Austausch genau wie die Doktoranden auf weitere spannende Ideen. Ein riesiger Dank daher an alle Beteiligten!

Wie sich zeigte, wurde aus dem ausgesprochen interdisziplinären Workshop aufgrund der Wissbegierigkeit und der Aufgeschlossenheit der Doktoranden ein voller Erfolg, der, anstatt an den Unterschieden zu scheitern, gerade aufgrund der Unterschiede gelang.

 

 

Text: Jana Maroszová (Doktorandin IDK Textualität in der Vormoderne) & Marilena Pinto (Koordinatorin IDK NanoBioTechnology)